Von Freude,Leid, Hormonen und Brüsten im Inkubator

Posted: 26. August 2017

Reading Time: 6 minutes

Während der Ausbildung durchläuft man ja einige Stationen um einen großen Einblick in die verschiedensten Fachbereiche zu bekommen und um sich auch zu orientieren, wohin es nach dem Examen geht.

 

Ich erinnere mich sehr gut an die meisten meiner Einsätze, manche sind ganz blass im Hinterkopf.

Im 2. Ausbildungsjahr, ziemlich am Anfang, durfte ich auf die Frühgeborenen/Neugeborenen und Kinder-Intensivstation.

Wie nah Freude und Leid beieinander liegen, wurde mir dort erst so richtig bewusst.

 

 

 

  • Da waren die Mütter mit ihren Kindern, die schon wochenlang auf den Entlass Tag hin fieberten
  • Mütter, die sich die Geburt und die Kennlernzeit ganz anders vorgestellt hatten
  • Mütter, die eine wunderschöne Geburt hatten, es dem Baby aber nicht gut ging
  • Mütter, die bereits in der Schwangerschaft wussten, das das Kind mit einer Behinderung auf die Welt kommen würde und die sich bewusst dafür entschieden hatten
  • Mütter, die erst unmittelbar nach Geburt von einer Behinderung des Kindes erfuhren
  • Mütter, die von einer Geburt, zu einem Zeitpunkt wo natürlich niemand damit rechnete, völlig überrascht wurde
  • Mütter, die ihre Kinder mit dem Rettungswagen in die Klinik bringen lassen mussten
  • Mütter, deren Kinder über die Notaufnahme zu uns kamen usw.….

Ich erinnere mich gut an diesen Freitag, eigentlich ein ganz normaler Freitag aber wer im Krankenhaus arbeitet oder jemanden kennt …weiß das es dort kaum normalen Tage gibt, zumindest kann man nie wissen wie es in 2 Minuten aussieht.

Leid und Freude

Ich kam zum Spätdienst und während der Übergabe wurde gesagt, das es dem kleinen Jungen im Nebenzimmer, der in der 27. Schwangerschaftswoche auf die Welt kam (er lag bereits 1 Woche bei uns, hatte einen Gendefekt, seine Organe waren noch so unreif das sie die Arbeit einfach nicht aufnehmen wollten und war sogar Hochfrequenz beatmet) nicht gut ginge, seine Eltern waren so wie jeden Tag bei ihm und versuchten ihm die Nähe zu geben die er im Mutterleib noch bekommen hätte. Ich wusste, das die Eltern sehr lang versucht haben, ein Kind zu bekommen, nach 4 Jahren dann endlich der positive Test mit diesem kleinen Bündel an Menschenkind.

In den vergangenen 2 Tagen ging es dem kleinen zunehmen schlechter, die Ärzte hatten viele Gespräche mit den Eltern und es kam dazu, das sie dem kleinen keine Chance mehr gaben, er war zu schwer krank, Flüssigkeit hatte sich in sein Gewebe eingelagert und er hatte, trotz hochmoderner Technik, keine stabilen Vitalzeichen.

Ich musste schlucken als ich das hörte, da sollen Eltern, die sich jahrelang ein Kind wünschten, endlich ein Kind in den Armen halten, auch wenn es schwer krank ist, entscheiden das Kind wieder gehen zu lassen? Ich bin selbst Mutter, klar sagt der Kinderkrankenschwesterkopf „lasst ihn gehen, er leidet, er leidet sehr“ und das Mutterherz? Das weint und versteht die Eltern zu gut, das Kind nicht gehen lassen zu wollen.

 

Als ich nach der Übergabe zu dem kleinen schaute, sah er anders aus, er war nicht so bläulich, sah weniger krank aus, schlief eigentlich ganz friedlich. Auch die Mutter war positiv gestimmt, es geht also doch bergauf, was erzählten die Ärzte denn da.

 

 

Am frühen Abend verabschiedeten die Eltern sich, „Bis morgen“ riefen sie uns noch zu, winkten und waren auf dem Weg zum Auto. Ich saß im Stationszimmer wo auch die Vitalzeichen der intensivpflichtigen kleinen Patienten über einen Bildschirm zu sehen waren. Routiniert streifte mein Blick immer wieder die Monitore, alles in Ordnung.

Auf meinem nächsten „Rundblick“ sah ich Unregelmäßigkeiten beim kleinen Kämpfer und kurze Zeit später alarmierten seine Maschinen. Jetzt ging alles ganz schnell, Arzt und Schwestern standen um den Inkubator, legten noch mehr Schläuche in den kleinen Körper, saugten ab, nahmen immer mehr Blut ab um zeitnah zu wissen wie es ihm geht, bis es keine Hilfe mehr gab. Der kleine Körper hatte den Kampf beendet. Die Eltern waren noch auf dem Klinikgelände, wurden benachrichtigt und durften sich von dem kleinen Mann verabschieden. Er wurde von seinen Schläuchen befreit, bekam was Hübsches anzuziehen, es wurden noch Abdrücke von seinen Füßchen als Erinnerung für die Eltern gemacht und sie durften mit ihm kuscheln, so lang sie wollten.

Ich hatte ja erwähnt, dass er heute so anders aussah, ich habe das schon einmal bei einem Frühchen erlebt. Am Tag als es von uns ging, sah es so friedlich aus und auch der kleine Patient, sah jetzt sehr schön aus, nicht mehr so eingelagert, nicht gequält, irgendwie zufrieden.

 

Im Zimmer nebenan lagen Zwillinge, geboren in der 34. Schwangerschaftswoche und inzwischen so gut drauf das heute endlich die langersehnte Heimreise mit beiden Mädchen angetreten werden konnte. Während diese Mama mit dem Vater der Kinder in rosa Strampelhöschen steckte und gefühlte 2390 Fotos von diesem Moment knipste (was ich absolut verstehen kann), verabschiedeten sich im anderen Zimmer die Eltern von ihrem Kind. Beide sind sich räumlich so nah, haben so unterschiedliche Schicksale und wissen nichts von dem, was im Nachbarzimmer los ist.

 

Hormone: Was Hormone im weiblichen Körper (und auch im Gehirn) anstellen, wissen die Frauen seit Beginn der roten Flut, seit der ersten Schwangerschaft, seit dem ersten Wochenbett.

(Ich bin übrigens davon überzeugt, Männer haben das auch, nur ohne Blut und ohne das sie es wahrhaben wollen, aber die Schwankungen der Hormone sind auch bei den XY Chromosomenträgern anzutreffen )

 

 

Während ich als Kinderkrankenschwester vom ersten Hormonschub in der Schwangerschaft nicht viel mitbekomme, kommt es danach umso geballter.

Da ich selbst schon mehrfach schwanger war, auch hier mein vollstes Verständnis.

Ich musste dauernd heulen, egal warum, auch wenn es keinen Grund gab. Allein das schreien des Babys brachte mich zum heulen, oder wenn der Vater nicht anrief, das er 3 Minuten später als erwartet nach Hause kommt. Meine Brüste waren toll, die erste Zeit fand ich diese neu erworbene Körbchengröße toll, den Rest nicht. Schmerzende Brustwarzen, Milch die fast dauerhaft in BH Einlagen tropfte, Mein Mann, der immer wieder betonte wie sexy er mich so fand (Ach und vorher nicht? Dann geh doch zu einer mit großen Titten…) Ja die Hormone… und die armen Väter.

Auf einer Station ist es dann so:

Ca. 12-15 Mütter mit ihren Männern und Kindern, alle in der ähnlichen Hormonellen Phase.

Alle mit den gleichen Fragen und Problemen, und das mehrfach am Tag.

Es ist definitiv gut wenn man Fragen hat, definitiv in Ordnung, wenn man sich Gedanken macht. Austausch unter Müttern.. unbedingt !!

Wenn sich aber dann z.B. eine Drittgebärende von einer Erstgebärenden tägliche Tipps über Babypflege und Kindererziehung anhören darf, ist der Bitchfight vorprogrammiert.

Und ich mittendrin. Fachlich und sachlich versuche ich dann zu erklären, das wir keine Einzelzimmer mehr haben, überhaupt haben wir gar kein freies Zimmer mehr und die 2 Mamis müssen einfach klarkommen….neben mir 2 in Tränen aufgelöste Ladys mit ihren Würmchen im Bettchen vor sich, wo sie doch vor 5 Minuten noch ganz weit oben auf der Fröhlichkeitsskala waren.

Wenn die Kinder, aus welchen Gründen auch immer, in einem Wärmebettchen liegen müssen (sehen ähnlich aus wie Inkubatoren, dienen aber nur der Wärmezufuhr) dann ist das für die Eltern eine befremdliche Situation. Sie können das Kind nicht wie andere Eltern versorgen, sind immer auf Hilfe vom Pflegepersonal angewiesen und können auch nicht 24 Stunden mit ihrem Nachwuchs verbringen. Die Kennlernphase wird zum Ausnahmezustand, Unsicherheit ist vorhanden und es gibt Fragen über Fragen.

Und es gibt Mütter, die Ihre Brust zum stillen in dieses Wärmebettchen zum Kind legen, entblößt…die Brustwarze zum Mund des Kindes und in einem Raum in dem es noch andere Eltern und Kinder gibt.

Ring frei für Runde 2 .. denn .. der Vater des Nachbarkindes hat entsetzt auf die im Wärmebett liegende Brust gestarrt ..die Mutter des Nachbarkindes brach dabei in Tränen aus und die Situation drohte zu eskalieren. Ist sie dann aber nicht denn das Kind durfte zur Mutterbrust und war somit für andere Menschen nicht mehr sichtbar.

Jede Mutter findet ihr Kind am schönsten, das ist auch so, meine Kinder waren sowieso die schönsten Kinder der Welt. Andere sahen nicht so süß aus. Ist so gewesen. Inzwischen hat sich das verändert, meine Kinder sind immer noch schön, andere dürfen es aber auch sein.

Während sich die Eltern auf Station mit ihren Kindern auf die U2 vorbereiteten, bahnte sich Hormonfight Nr.3 an.

2 Mütter nebeneinander (die Wickelplätze incl. Wärmelampe waren in dieser Klinik nebeneinander, so das immer mehrere Eltern gleichzeitig die Kinder wickeln, baden etc. können)

Kind 1 hat Schluckauf, Kind 2 nicht. Mutter von Kind 2 „ Oh wie süß, ihr kleiner hat ja Schluckauf, das ist gut, da wächst wenigstens der Magen richtig“

„Wie bitte?“ „Na wenn die Babys Schluckauf haben, wächst doch der Magen“                                         „Also wissen sie, wenn sie mich für dumm verkaufen wollen…..“

Ich mich dazwischen gegrätscht und deeskaliert…puh Glück gehabt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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