Ich möchte bitte jetzt abgeholt werden

Posted: 1. September 2017

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Wieder ein ganz normaler Tag, ein ganz normaler Tag an dem man nicht weiss was als nächstes kommt.

 

Wenn Kinder geplant ins Krankenhaus kommen, z.B. für eine Operation, sehen wir meist nur einen Namen, das Alter, die Diagnose und die geplante Operation auf einer Liste und können dementsprechend die Zimmerbelegung planen.

Wie an diesem Tag. Ich hatte Spätdienst und ein 9 jähriges Mädchen wurde vom Frühdienst angekündigt.

“..liegt auf Zimmer xyz, ist aber schon im Aufwachraum und kommt dann bestimmt bald auf Station”

 

 

Für Kinder ist es oft das erste mal im Krankenhaus und es sind ganz schön viele Dinge die es dann zu verarbeiten gibt, deswegen frage ich meistens schon bei Abholung aus dem Aufwachraum, ob die Kinder denn schon einmal im Krankenhaus waren.Dementsprechend läuft dann meist die weitere Kommunikation ab. “Erfahrene” Kinder wissen meist was der nächste Schritt ist und sind natürlich weniger ängstlich.

Irgendwann an diesem Nachmittag konnte ich dann das Mädchen holen. Etwas schüchtern, müde und ängstlich lag sie in dem großen Bett, die Zudecke bis zur Nase gezogen und wenn ich sie etwas fragte, nickte sie nur oder schüttelte mit dem Kopf. Das ist ja schonmal gut denn es gibt auch Kinder die gar nicht mit uns reden.

Mutti und Vati waren auch dabei, hatten ungelogen 2 Tüten voll mit Naschkram dabei, diese Papiertüten die man jetzt an der Kasse anstatt der Plastiktüten bekommt. Voll..und damit meine ich wirklich voll. Das war für unseren Nurse Haushalt sicher eine Monatsration. Angefangen von 2 Packungen Capri Sonne, über Chips, Schokolade, Wiener, Salami…das Kind sollte genau 3 Tage bei uns bleiben, wann soll es das denn alles essen? Oder bekommen wir auch was? “hihi”

“Nach OP darf sie keine Süßigkeiten essen, erstmal Wasser oder Tee und dann langsam mit Keksen oder Zwieback anfangen, morgen ist dann alles wieder normal” Ich kassierte böse Blicke, das Kind im Bett brach in Tränen aus. “Hast du Schmerzen” ..”Nein ich habe Hunger und will jetzt was Naschen” kam mit einer Lautstärke aus diesem kleinen Menschen und ich dachte, es hat ein Megafon in seinem Hals versteckt.

Mit Engelszungen redete ich ein, auf Kind und Eltern und Eltern und Eltern… sie konnten es nicht verstehen, wollten diskutieren…” Gestern Abend hat sie das letzte mal was gegessen, das ist viel zu lang”..”Sie hat eine Infusion, da ist alles drin was der Körper braucht.”

 

Ich verließ das Zimmer und schaute 10 Minuten später noch einmal nach dem Kind, als ich die Zimmertür öffnete versteckte die Mutter eine Caprisonne. Ganz hektisch. “Das darf sie aber jetzt noch nicht trinken, nur das Wasser und den Tee”..”Aber sie hat so Dur..” Das Kind erbrach schwellartig die Caprisonne und das Wasser von davor.

Also alles frisch gemacht, Eltern waren kuriert und verabschiedeten sich, inclusive den Tüten mit den lebensrettenden Nahrungsmitteln.

Das Kind klingelte: “Mein Fuß tut weh” .. “Ok ich bringe dir ein Schmerzmittel”

4 Minuten später..es klingelte..”Ich muss aufs Klo” …Steckbecken (Schüssel) geholt… erledigt. Weitere 2 Minuten später ..es klingelte..”Ich habe Hunger”..”Ok ich bringe dir Kekse, aber erstmal langsam essen ok?” ..”Ok” Nachdem das Kind sauber,einigermaßen satt, schmerzfrei im Bett lag, klingelte es erneut. “Ich möchte jetzt abgeholt werden”..”Was möchtest du?”..”Abgeholt werden, ich will jetzt nach Hause” ..” Du das geht jetzt nicht, du bist doch heute erst operiert worden und morgen kuckt der Arzt nach dir und macht mal die Verbände ab” .. “Das kann der doch heute schon machen und dann gehe ich nach Hause” ..”Nein liebes, das geht leider nicht, du musst noch ein paar Tage hier bleiben.”..Es brach in Tränen aus und weinte bitterlich. Heimweh ist schlimm und im Krankenhaus ohne Eltern sein zu müssen, ist auch ganz schlimm.

Es beruhigte sich nur schwer, im Bett lagen inzwischen 1 Teddybär, 1 Tapferkeitsurkunde, 1 Buch, Taschentücher, Kekse und das Kind selbst. Immer wieder schluchzte es..”Ich möchte jetzt abgeholt werden, ich will nach Hause”

Als Mama zerbricht es mir das Herz, es gibt eben Familien die ihr Kind nicht in der Klinik 24 Stunden betreuen können weil es die familiäre Situation nicht erlaubt, der Arbeitgeber nicht mitspielt oder andere wichtige Dinge eine Mitaufnahme der Eltern verhindern. Ich verurteile solche Eltern nicht, es gibt Gründe warum es nicht geht und basta.

Das schluchzen hörte nicht auf, das Kind weinte und weinte und verstand die Welt nicht mehr. Plötzlich, wie aus dem Nichts…”So, du kannst jetzt das Licht ausmachen, ich möchte jetzt schlafen.”..”Wirklich?” ..”Ja ich bin jetzt müde, kannst du die Tür ein bisschen auflassen?” ..”Na klar, das mache ich, gute Nacht. Und wenn was ist, einfach klingeln ok?”

 

 

 

 

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